Samstag, 21. Mai 2011

Gustav Pick



Entgegen der "Fiakerlied"-Zeile "I bin halt an echt`s Weaner Kind" war Gustav Pick 1832 als Sohn eine Kaufmanns im jüdischen Ghetto des damals ungarischen und heute burgenländischen Marktes Rechnitz zur Welt gekommen.
Pick war von aristokratischem Äußeren, und zählte zum Freundeskreis des Grafen Hans Wilczek, dem Gründer der Wiener Rettungsgesellschaft.
Als er diesen eines Tages auf seinem Gut in Seebarn besuchte, wurde Pick durch den Jagdmeister des Grafen vom nahe gelegenen Bahnhof abgeholt, und mit den Worten empfangen:
"Sind Euer Durchlaucht gut gereist?"
"Ich bin keine Durchlaucht."
"Verzeihen, Euer Erlaucht!"
"Ich bin kein Graf, ich bin Jud."
Darauf der Jagdmeister:
"Oh, entschuldigen Sie, Herr Baron."
Nach Gustav Picks Tod im Jahr 1921 gaben ihm Hunderte Fiaker in einer kilometerlangen Kolonne das letzte Geleit zum Zentralfriedhof.

Die Wiener Fiaker wurden zwar viel besungen, erhielten aber von den Fuhrwerksunternehmern so wenig Lohn, dass sie im Jahr 1889 einen Streik organisierten.

Victor Adler schrieb damals:
"Die einen arbeiten vier Stunden und werden reichlich ernährt - die Pferde.
Die anderen arbeiten 16 bis 21 Stunden und haben Hungerlöhne - die Kutscher!"

Zu den Wiener "Typen" zählten auch Hausmeister, in jenen Tagen
die Autorität jedes Mietshauses.
Wenn er an der Bassena lehnte und mit strengem Blick "die Parteien" inspizierte, wagte es niemand,sich seinem Urteil zu widersetzen.
So ein Hauswart hatte kein Gehalt, durfte aber in einer winzig kleinen, ebenerdig gelegenen und meist feuchten Wohnung leben, ohne Miete zu zahlen.
Vor allem aber verfügte er über eine von den Mietern gefürchtete Einnahmequelle.
Wer es wagte, nach 22 Uhr das Haus von der Straße aus betreten zu wollen, der musste dafür zahlen.
Das sogenannte "Sperrgeld" wurde auch "Sperrsechserl" genannt, weil dem Hausmeister für die nächtliche Unannehmlichkeit sechs Kreuzer zu entrichten waren.

Nicht wenige Wohnungsmieter versäumten - so sie sich einen Theaterbesuch überhaupt leisten konnten - den letzten Akt der Vorstellung, um das Haustor noch vor Fälligwerden des "Sperrsechserls" zu erreichen.

In einzelnen Fällen mussten die Mieter die Nacht im Freien verbringen, weil der Hausmeister so tief schlief, dass er die Klingel nicht hörte.
Und wehe dem Hausbewohner, der darob Beschwerde geführt hätte.
Alfred Polgar, selbst Mieter eines Wohnhauses in der Stallburggasse, war irgendwann zu Ohren gekommen, dass "neuerungssüchtige Wiener die Zuteilung eines Hausschlüssels an jede Mietpartei gefordert haben.
Solche umstürzlerische Gesinnung hatte aber wenig Aussicht, sich durchzusetzen, da Krieg und Revolution die Position des Hausmeisters nicht erschüttern konnten.
An seinen Schlapfen - so heißen die Nachtpantoffeln des Wiener Hausmeisters - flutete die Brandung des Weltgeschehens gebrochen zurück."

Und so war die Monarchie schon lange verblichen, als die Wiener immer noch ihr "Sperrsechserl" zahlen mussten, ehe ihnen, lange nach Ausrufung der Republik und als große Sensation, ein eigener Haustorschlüssel zugesprochen wurde.


Als Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten freiwilligen Krankenkassen entstanden, war das zwar ein gewaltiger Fortschritt, doch gerade diejenigen, die der Hilfe am dringendsten bedurft hätten, konnten sich die Beitragszahlungen nicht leisten.

Erst 1889 kam es zur Einführung der ersten Pflichtversicherung.
Gleichzeitig wurde gesetzlich geregelt, dass Erwachsene nicht länger als elf Stunden, Jugendliche zwischen zwölf und sechzehn Jahren nicht mehr als acht Stunden pro Tag arbeiten durften.
Kinderarbeit unter zwölf Jahren wurde endlich verboten, und die gesetzliche Sonn - und Feiertagsruhe eingeführt.
Immerhin war Österreich mit der Schaffung dieser Bestimmungen in Europa führend.

Ein Mann, der in ganz anderem Zusammenhang berühmt wurde, spielte in Österreichs Gesetzgebung eine nicht unbedeutende Rolle.

Der Dichter Franz Kafka, als Konzeptbeamter in der Sozialversicherung für Unfallverhütung am Arbeitsplatz zuständig, schildert seine Tätigkeit in einem Brief an seinen Freund Max Brod:
"Was ich zu tun habe? In meinen vier Bezirkshauptmannschaften fallen die Leute vom Gerüst herunter, in Maschinen hinein, alle Balken kippen um, die Böschungen lockern sich, alle Leitern rutschen aus......"
Dr. jur. Franz Kafka erkannte, dass die Unfallvermeidung durch entsprechende Sicherheitsmaßnahmen nicht nur aus humanitären Erwägungen notwendig war, sondern Staat und Betriebe auch Unsummen ersparten.

Doch Pensionsanspruch gab`s noch immer keinen.

Freilich wäre ohnehin nicht allzu viele Menschen in den Genuss einer Rentenzahlung gekommen, da die durchschnittliche Lebenserwartung bei vierzig Jahren lag.
Wer älter wurde und nicht mehr arbeiten konnte, musste von seinen Kindern unterstützt werden, die dazu gesetzlich verpflichtet waren.
Hatte man keine Kinder, oder waren diese nicht in der Lage zu helfen, fiel man der öffentlichen Armenpflege anheim.
Während die Großfamilie im ländlichen Bereich relativ gut für ihre Angehörigen sorgte, führte das fehlende Sozialnetz in den Städten zu Wohnungs- und Hungersnot, zu Massenausspeisungen und Elendsquartieren.

Die ersten Pensionen wurden im Jahr 1909 den sogenannten "Kopfarbeitern", also höheren Angestellten gewährt, wodurch der "kleine Mann" erst recht durch den Rost fiel.

Nach den "Kopfarbeitern" konnten 1927 die Handelsangestellten ihre Pensionsansprüche durchsetzen.
Arbeiter erhielten die Pensionen erst nach dem "Anschluss" ans Deutsche Reich, aber nicht weil die Nationalsozialisten so sozial waren, sondern weil die deutschen Gesetze bereits seit Anfang des Jahrhunderts einen Pensionsanspruch für Erwerbstätige vorsahen.
Zum vollen sozialen Schutz im heutigen Sinn kam es in den ersten Jahren der Zweiten Republik.

Adelheid Popp organisierte noch in den Jahren der Monarchie einen Frauenstreik, und machte sich als Frauenrechtlerin einen Namen, ehe sie 1919 als sozialdemokratische Abgeordnete in den Nationalrat einzog.

Die "Roaring Twenties", in denen Jazz, Quickstepp, Charleston und Foxtrott für gute Laune sorgten, gaukelten dem "kleinen Mann" und der "kleinen Frau" vor, dass es keine Not und keinen Daseinskampf gäbe, dass das Leben eine einzige Freude sei.
Doch all das überspielte nur, dass es kaum eine Familie gab, die nicht Vater und Sohn im ruhmlos zu Ende gegangenen Weltkrieg gelassen hatte.

"Auf den Terassen der Ringstraßencafes konnte es passieren", beschreibt Otto Friedländer die Zwischenkriegszeit, "dass die Besucher innerhalb einer Viertelstunde von fünf Bettlern angeredet wurden.

Junge, Alte, Gesunde, Behinderte, Frauen und Kinder - der Kellner wagte es nicht, sie von den Gästen fern zu halten, er wollte es auch nicht recht.
Die Gäste sollten es nur spüren, wie es zuging."
Arbeitslos zu sein, bedeutete damals:
Sechs Monate Arbeitslosenunterstützung in Höhe von 2,50 Schilling pro Tag.
Danach erhielt man sechs Monate Notstandshilfe von 50 Groschen (für die man ein Viertel Kilo Feigenkaffee bekam).
Und dann war man "ausgesteuert", vegetierte ohne jede staatliche Unterstützung dahin.

In Marienthal, einem Ortsteil von Gramatneusiedl bei Wien, war 1830 eine Flachsspinnerei gegründet, und innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer der größten Textilfabriken Österreich-Ungarns ausgebaut worden.

In dem kleinen Ort waren bis 1200 Arbeiter tätig, doch als mit dem Zusammenbruch der Monarchie die Absatzgebiete in Ungarn und auf dem Balkan einbrachen, musste der Betrieb reduziert werden, ehe man 1926 die halbe, und drei Jahre später, die restliche Belegschaft entließ, und die Fabrik liquidierte.
Nun war ganz Marienthal arbeitslos.

Das Soziologen-Ehepaar Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld nahmen 1933 den Fall zum Anlass, in der Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" die Wirkung lang andauernder Arbeitslosigkeit zu untersuchen.

Das Ergebnis erwies sich als erschreckend.
Die Menschen waren bald nach der Schließung des Unternehmens mangelhaft ernährt, Kleider konnten nicht nachgeschafft werden, Kinder bei schlechtem Wetter nicht zur Schule gehen, weil sie kein Schuhwerk hatten.
Zum besonderen Problem für die bis dahin fleißig arbeitenden Menschen der Arbeitersiedlung wurde das "Totschlagen der Zeit", es gab keine sinnvolle Beschäftigung mehr. "das Nichtstun beherrschte den Tag".
Die Marienthaler lasen kaum noch, gingen nicht ins Theater, zeigten keine sonstigen Interessen.

Die Einwohner bezogen jetzt Arbeitslosen- oder Notstandsunterstützung, neun Familien hatten überhaupt keinen Anspruch auf Hilfe.

Nicht wenige lebten "vom Betteln und Stehlen", zuweilen landeten Katzen und Hunde auf dem Mittagstisch.
Nicht minder dramatisch war die Erkenntnis, dass sich die Menschen "in sich selbst zurückzogen", und die Dorfgemeinschaft zu zerbröckeln begann.
Die Arbeitslosen von Marienthal sahen sich nicht mehr als "nützliche Mitglieder der Gesellschaft", und empfanden den "Verlust ihrer Menschenwürde" als besonders schmerzlich.

Die Schöpfer der ersten großen soziologischen Studie verließen Österreich, noch ehe Hitler einmarschierte.

Maria Jahoda emigrierte nach Großbritanien, Paul Lazarsfeld machte sich als Begründer der modernen Soziologie in den USA einen Namen.
Kurz vor seinem Tod im Jahre 1976 zog er persönliche Bilanz seines Lebens.
"In Europa fürchten sich die Kinder vor den Eltern, und in Amerika die Eltern vor den Kindern.
Da ich das Pech gehabt habe, in Europa ein Kind und in Amerika Vater zu sein, habe ich mich eigentlich mein ganzes Leben lang gefürchtet."

ENDE


Quelle: Georg Markus
Ausschnitt aus "Wie die Zeit vergeht"


Karin Brandauer machte über "Die Arbeitslosen vom Marienthal"

im Jahre 1988 einen sehr ergreifenden Film, der auch an den Originalschauplätzen in Gramatneusiedl gedreht wurde.

1 Kommentar:

  1. Es war wiedereinmal sehr interessant bei dir zu lesen!
    Liebe Grüsse ins Burgenland aus dem Salzkammergut

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